7 Fragen über Schamanismus – 7 Missverständnisse aufgeklärt

 

Falsche Annahmen führen zu Missverständnissen

Wenn Menschen zu mir kommen und fragen „Was ist Schamanismus?„, steckt hinter dieser Frage meistens eine ganze Reihe von Annahmen – dass es etwas für Auserwählte ist, dass es mit Drogen zu tun hat, dass es eine Art Ersatzreligion ist, dass man dafür in den Dschungel oder in eine Höhle muss oder dass man seltsame Rituale braucht. Diese Annahmen sind nicht zufällig, sie zeigen vielmehr, wie sehr viele Menschen Schamanismus missverstehen, weil sie die falschen Fragen stellen oder noch zu wenig über die eigentlichen Zusammenhänge wissen.

Die häufigsten Fragen über Schamanismus basieren auf Missverständnissen, die tiefer gehen als die Fragen selbst. Es geht dabei nämlich meistens nicht darum, fertige Antworten zu liefern, sondern darum zu verstehen, welche Variablen hinter diesen Fragen stecken und warum die üblichen Antworten das eigentliche Problem verfehlen. Die Art, wie wir fragen, zeigt oft schon, dass wir die Grundlagen noch nicht erfasst haben.

Ich möchte dir in diesem Artikel die sieben häufigsten Fragen zeigen und erklären, warum sie falsch gestellt sind und welche Erkenntnisse dahinter stehen, die du wirklich brauchst, wenn du schamanische Praxis verstehen willst.

1. Die Begabungsfrage ist falsch gestellt

Die Annahme, dass schamanische Fähigkeiten nur für Auserwählte zugänglich sind, ist vielleicht das hartnäckigste Missverständnis, dem ich in meiner Arbeit begegne. In Wirklichkeit habe ich in meiner Praxis etwas ganz anderes beobachtet: Mit dem richtigen Training, das Schritt für Schritt aufeinander aufbaut, kann jeder Mensch schamanische Fähigkeiten erlernen.

Die Frage ist nicht, ob du begabt genug bist, sondern ob du bereit bist, den Weg konsequent zu gehen. Es ist wie mit allem in der Welt – nicht jeder Mensch wird Marathonläufer, Architekt oder Pilot, obwohl theoretisch jeder gesunde Mensch diese Fertigkeiten erlernen könnte, wenn er es wirklich wollte. Wir gehen unterschiedliche Wege im Leben, wählen das, was uns wirklich ruft und interessiert. Und wenn dich etwas nicht wirklich interessiert, wirst du es auch nicht erlernen, weil du nicht lange genug dranbleibst, um die notwendige Tiefe und Meisterschaft zu erreichen.

Offensichtlich ist: Menschen mit Begabung, mit Talent, lernen schneller und steigen woanders ein als die, die keine Begabung haben, aber Interesse. Das heißt aber nicht, dass jemand, der einfach Interesse hat und bisher seine Begabung noch nicht entdeckt hat, das nicht auch lernen kann.

Am Ende muss auch der mit Begabung üben und sich weiter entwickeln. Sonst kann derjenige, der Interesse hat und viel, viel übt, denjenigen mit Begabung sogar überholen.

Bei denen, die dranbleiben, sehe ich ein klares Muster. Sie haben die Motivation und sagen, ich will das wirklich, ich will damit was erreichen, ich will mich dem hingeben. Sie bringen eine gewisse Disziplin mit – machen ihre Übungen regelmäßig und über lange Zeit.

Sie probieren nicht eine Übung zwei-, dreimal und sagen dann: “Oh, ist nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe, dann lasse ich es besser sein.” Stattdessen üben sie zehn-, zwanzig-, hundertmal, bleiben dran, wollen ihr Ziel erreichen und erreichen es dann auch.

2. Die Drogenfrage lenkt vom Wesentlichen ab

Wenn Menschen fragen „Braucht man Drogen für Schamanismus?“, übersehen sie eine wichtige Variable. Zuerst einmal ist „Drogen“ das falsche Wort. Besser wäre Psychedelika. In manchen schamanischen Traditionen werden sie genutzt.

Jedoch ist es so, dass Psychedelika dich in nichtalltägliche Dimensionen reinschießen und dann bleibst du da und hast keine Kontrolle, kannst nichts tun, kannst dich dem nur hingeben und das über dich ergehen lassen. Das kann manche öffnen, aber das ersetzt nicht ein Fähigkeitstraining.

Der Unterschied ist gezieltes Anwenden versus gelenktes Erleben.

Wer trainiert hat, weiß, was er tut und kann seine Fähigkeiten gezielt anwenden: “So, jetzt mache ich eine Geistheilung, jetzt treffe ich ein Krafttier, jetzt nehme ich mit einem Pflanzengeist Kontakt auf.” Mit Psychedelika geht das nicht. Da musst du einfach nehmen, was kommt.

Bewusstseinszustände kannst du mit systematischem Training erreichen. Psychedelische Substanzen sind ein möglicher Weg von vielen, nicht die Voraussetzung. Das Fähigkeitstraining selbst kannst du nicht durch Psychedelika ersetzen. Und es ersetzt auch keinen spirituellen Weg. Ein spiritueller Weg hat damit zu tun, Entscheidungen zu treffen für das Spirituelle, für das wahre Selbst und nicht dem Ego zu folgen. Deswegen kann jemand auch viele, viele psychedelische Erfahrungen sammeln, aber nicht spirituell sein, weil er dem Ego weiter folgt.

3. Die Religionsfrage verwechselt Verpackung mit Kern

Menschen fragen oft „Ist Schamanismus eine Religion?“ Was sie dabei verwechseln, ist kulturelle Verpackung versus funktionaler Kern.

Eine Religion hat ein Dogma und folgt einer bestimmten Moral. Und wenn eine Religion eine weltliche Institution ist, dann geht es da auch immer um Kontrolle und um Macht. Es ist etwas Gesellschaftliches oder sogar Politisches.
Beim Schamanismus haben wir das nicht.

Schamanismus ist eher ein echter spiritueller Weg mit einer höheren Ethik, wo es darum geht, der Liebe zu folgen, Gemeinschaft, Umwelt, Natur zu pflegen, frei zu sein und zu helfen, zu heilen. Da haben wir kein Dogma und deswegen gibt es auch keinen Staat, der Schamanismus je als Religion hatte, weil das nicht geht. Weil Schamanismus sich direkt an den natürlichen Gesetzen orientiert und an dem echten Spirituellen.

Schamanismus ist beides: Eine spirituelle Praxis und ein Fähigkeitstraining. Das widerspricht sich nicht. Es gibt natürliche Gesetze, wie die Welt läuft, wie Natur ist. Und im Schamanismus steckt die Annahme dahinter, oder auch das Wissen, die Praxis, dass alles eine Einheit ist und alles miteinander in Verbindung steht. Und um jetzt gezielt mit diesem großen Ganzen, mit dem Natürlichen in Kontakt zu treten und heilsam zu wirken, dafür braucht es Fähigkeiten, die gezielt trainiert werden können.

4. Die Seriositätsfrage zeigt das strukturelle Problem

Wenn jemand zu mir kommt und sagt „Ich will einen seriösen Schamanen finden“, fehlt dieser Person oft das Unterscheidungskriterium zwischen jemandem, der diese Fähigkeiten wirklich trainiert hat, und jemandem, der Theater spielt.

Ein seriöser Schamane sollte auf jeden Fall transparent sein können, erklären können, was er macht, zugänglich und menschlich sein. Wenn einer nur mit bunten Federn auf dem Kopf und mit Trommel irgendwas undurchsichtiges macht, ist das einfach unseriös heutzutage.

Deswegen ist es wichtig, dass du jemanden findest, der vertrauenswürdig ist, der viel erklärt, bei dem du mal reinschnuppern kannst, bei dem es nicht nur ums Geld geht, dass auch der Preis, den er nimmt, angemessen ist für den Inhalt und die Dienstleistung, die er liefert. Das ist wichtig und dann solltest du immer der Intuition folgen und der Sympathie.

Erklärbarkeit ist zentral, aber sie nimmt nicht die Wirkung.

Du brauchst keine Erklärung, damit das wirkt. Erklärungen nehmen auch nicht die Magie, weil Magie das ist, was wirkt, egal ob es jemand versteht oder nicht. Das mit der Mystik kommt ja daher, dass vieles, was dort in subjektiven Erfahrungen geschieht, nicht so gut in Worte erfassbar ist – und deswegen wird es oft mythologisch und mystisch formuliert.

Aber wir in der abendländisch-westlichen Kultur sind sehr verstandesbezogen und aufgeklärt im Verstand. Deswegen ist es total hilfreich, wenn man für Menschen hier bei uns schamanisch arbeiten möchte, gute Erklärmodelle zu geben, psychologische Modelle heranzuziehen und einen klar strukturierten Aufbau zu bieten, damit der Mensch sagen kann: “Okay, das holt mich im Verstand ab, jetzt kann ich mich dafür öffnen. Da sehe ich jetzt einen sinnvollen Weg für mich und kann mich dafür entscheiden”
Wenn du eine gute Philosophie hast und eine gute theoretische Basis, dann kannst du die ganzen subjektiven schamanischen Erfahrungen, die du gemacht hast, da gut eingliedern und damit ist das gut geerdet und kann gut in den Alltag integriert werden und alles, was hilfreich ist, gut umgesetzt werden im Alltag.

5. Die Kulturfrage übersieht die Essenzen

Die zentrale Frage bei der Kulturfrage lautet: Wie trennt man zwischen dem, was kulturelles Ritual ist, und dem, was die eigentliche Funktionsweise dahinter ist, die übertragbar bleibt?

In meiner Arbeit nutze ich keine kulturell gebundenen Rituale, sondern habe mich vielmehr damit beschäftigt, was tatsächlich wirkt, wie die Mechanismen funktionieren und wie man bestimmte Wirkungen zusammen mit Naturkräften, mit Mutter Erde und dem großen Ganzen erzeugen kann. Alles, was als kulturelles Drumherum existiert, kann man nutzen, wenn es einem dient, muss man aber nicht übernehmen, um zur Essenz vorzudringen.

Die Orientierung liegt direkt an dem, was wirkt.

Statt traditionelles Brauchtum zu kopieren, geht es darum zu verstehen, was funktioniert und wie man sicher und effektiv zum Ziel kommt – ein pragmatischer Ansatz, der die Prinzipien über die Form stellt. Was zwischen Kulturen variiert, ist das äußere Brauchtum, die rituellen Formen und Symbole. Was konstant bleibt und sich durch alle Traditionen hindurchzieht, ist die zugrunde liegende Funktionsweise, die Essenz der schamanischen Arbeit selbst.

6. Die Wissenschaftsfrage stellt falsche Erwartungen

Menschen wollen oft „wissenschaftliche Beweise“ für schamanische Praktiken.

Der eigentliche Validierungsmechanismus beim Schamanismus ist jedoch die wiederholbare subjektive Erfahrung.

Das ist nicht besser als eine externe Messbarkeit, aber beim Thema Schamanismus ist das der einzig gangbare Weg.

Echte Spiritualität findet abseits des Linearen statt. Das ist im nicht-linearen Bereich, in einem Bereich, wo der Verstand nicht nutzbar ist, wo es keine Objektivität gibt, weil der Erfahrende und das Erfahrende sehr nahe sind.

Das ist einfach eine höhere Bewusstseinsebene, da geht es nur über subjektive Erfahrungen.

7. Die Systematisierungsfrage zeigt den scheinbaren Widerspruch

Wie systematisiert man etwas, das jenseits des Verstandes liegt? Das ist kein Widerspruch. Wir haben das Alltägliche, wo wir linear leben und der Verstand aktiv ist, und wir haben die höheren Bewusstseinsebenen, das Transzendente, wo du den Verstand nicht mitnehmen kannst. Der Mensch ist in beidem zu Hause.

Beim Schamanismus geht es darum, das Höhere in das Alltägliche reinzubringen. Die Erkenntnisse, die Heilkraft in den Alltag zu bringen, damit du dich da entwickeln kannst. Und dafür hat sich gezeigt, dass ein systematisches Training wichtig ist, damit du bei jedem Schritt genau weißt, was du tust, wieso, warum.

Das gibt einen sehr guten Rahmen, eine klare Struktur, damit darin das Höhere, das Transzendente, das echte Spirituelle optimal sich entfalten kann. Und wenn du mal in Verwirrung gerätst oder nicht weißt, was du tun sollst, hast du da immer ein System, starke Wurzeln, eine Basis auf die du zurückfallen kannst. Diese hilft dir auch, deine subjektiven spirituellen Erfahrungen gut in den Alltag zu integrieren.

Was du jetzt gelernt hast

Die häufigsten Fragen über Schamanismus basieren auf falschen Annahmen. Die Begabungsfrage verwechselt Interesse mit angeborener Fähigkeit, die Drogenfrage übersieht, dass Psychedelika kein Fähigkeitstraining ersetzen, und die Religionsfrage verwechselt kulturelle Verpackung mit funktionalem Kern. Die Seriositätsfrage zeigt, dass ohne Verständnis der Grundprinzipien das Unterscheidungskriterium zwischen Training und Theater fehlt.

Die Kulturfrage übersieht, dass Ritual variiert, aber die Funktionsweise konstant bleibt, während die Wissenschaftsfrage falsche Erwartungen an Messbarkeit stellt, wo wiederholbare subjektive Erfahrung der einzige Validierungsmechanismus ist. Die Systematisierungsfrage wiederum zeigt, dass lineares Training und nicht-lineares Bewusstsein sich nicht widersprechen, sondern ergänzen.

Wenn du schamanische Praxis verstehen willst, fang an, die richtigen Fragen zu stellen. Nicht „Ist das für mich?“, sondern „Bin ich bereit zu üben?“. Nicht „Brauche ich Drogen?“, sondern „Will ich gezielt anwenden können?“. Nicht „Ist das eine Religion?“, sondern „Ist das ein trainierbarer Weg?“.

Am Ende sind es die konkrete Praxis und das wiederholte Training, die den Unterschied machen. Die Wirksamkeit schamanischer Arbeit zeigt sich nicht in der Theorie, sondern in der beständigen Anwendung.

Was macht ein Schamane?

Was macht ein Schamane?

Schamanen sind die Bewahrer des alten Wissens und der Gebräuche. Sie sind Heiler, Seher und oft auch spirituelle Berater und Medien.

mehr lesen
Was ist Schamanismus?

Was ist Schamanismus?

Schamanismus ist ein uraltes Brauchtum. Im Zentrum stehen ekstatische Bewusstseinsreisen und die tiefe Verbindung zur Natur.

mehr lesen