Kulturelle Aneignung im Schamanismus

 

Wem gehört die Zusammenarbeit mit Naturgeistern?

Die Debatte um kulturelle Aneignung im Schamanismus läuft oft in die falsche Richtung. Menschen verwechseln zwei grundverschiedene Dinge: Kulturelles Brauchtum und ganz bestimmte spirituelle Fähigkeiten.

Das eine gehört einer Volksgruppe. Das andere gehört niemandem beziehungsweise ist ein Teil von allen Menschen.

Wir müssen hier eine klare Linie ziehen, weil diese Verwechslung verhindert, dass Menschen Zugang zu Fähigkeiten bekommen, die ihnen von Natur aus zustehen.

Gleichzeitig führt diese Verwechslung dazu, dass manche glauben, sie dürften mit Federschmuck herumlaufen und indigene Rituale nachahmen.

Beides ist ungünstig.

Die Grenze zwischen Kultur und Fähigkeit

Stell dir vor, jemand macht einen bestimmten Tanz, trägt dabei spezielle Kleidung und hört dabei bestimmte Musik, um etwas ganz bestimmtes damit auszudrücken. Und genau dieses Ritual wird in einer bestimmten Volksgruppe auf diese Weise schon seit Jahrhunderten immer wieder durchgeführt. Es gehört zu deren Identität. Das ist kulturelles Brauchtum. Es gehört zu einer Tradition, die über Generationen gewachsen ist.

Aber tanzen selbst? Das kann jeder Mensch. Kleidung tragen? Musik hören? Das sind keine kulturellen Erfindungen.

Die Fähigkeiten, die wir für schamanische Arbeit brauchen, funktionieren genauso. Außersinnliche Wahrnehmung, der Umgang mit Lebensenergie, die Fähigkeit den Bewusstseinszustand zu ändern – das sind menschliche Grundfähigkeiten, bei vielen zwar schlummernd, aber in jedem angelegt. Genau wie laufen oder sprechen.

Niemand würde sagen, dass Sprechen einer bestimmten Kultur gehört. Aber eine bestimmte Sprache mit ihren Ritualen und Traditionen? Die gehört den Menschen, die sie entwickelt haben.

Naturgeister existieren unabhängig von Traditionen

Jetzt wird es konkreter. Wenn du in den Wald gehst, stehen dort Bäume. Diese Bäume sind bewohnt von Baumgeistern, mit denen du in Kontakt kommen kannst. Das ist sozusagen der Bewusstseins-Aspekt des Baumes.

Der Baum gehört keiner Kultur. Der Baumgeist auch nicht.

Natürlich gibt es Rituale, die seit Jahrhunderten praktiziert werden, um mit Baumgeistern zu arbeiten. Diese Rituale können kulturgebunden sein. Aber der Kontakt selbst? Der ist frei zugänglich. So wie die Bäume im wilden Wald.

Das ist wie mit Ländern und ihren Beziehungen. Deutschland hat über viele Jahre eine Beziehung zu Frankreich aufgebaut. Aber niemand würde behaupten, dass diese Beziehung ein deutsches Kulturgut ist. Andere Länder haben auch eine Beziehung zu Frankreich aufgebaut.

Ortsgebundene Naturgeister – wie Baumgeister oder Wassergeister – sind nur eine Art von Naturgeistern. Es gibt noch eine andere, die in der Debatte um kulturelle Aneignung besonders oft missverstanden wird.

Das sind die Tiergeister. Diese haben ihre eigene Existenzebene. Sie sind nicht an einen Ort auf der Erde gebunden. Sie haben einen freien Willen und können hin, wo immer sie wollen. Sie gehören niemandem. Egal, wer mit ihnen zusammen arbeiten möchte und in welchem kulturellen Kontext dies geschieht.

Das ist ein entscheidender Unterschied. Wenn jemand hier in Deutschland schamanisch arbeitet, nimmt er nicht Kontakt mit Naturgeistern aus Peru oder Sibirien auf. Also das wäre seltsam. Denn hier ist auch Natur und hier hausen mächtige Naturgeister. Ein Krafttier kann zu jedem kommen, überall auf der Welt. Es wählt selbst, mit wem es arbeiten möchte. Diese freien Tiergeister gehören keinen Menschen und sind nicht an einen Ort gebunden.

Echte Phänomene kann man neu entdecken

Manche befürchten vielleicht, sie könnten unbewusst ein indigenes Ritual kopieren. Aber das ist unrealistisch.

Indigene Rituale sind komplex. Sie beinhalten bestimmte Pflanzen, spezifische Orte, besondere Gegenstände und präzise Abläufe. Du kannst so etwas nicht aus Versehen kopieren. Das wäre, als würdest du unbewusst eine fremde Sprache neu erfinden. Also das wäre schon eine Meisterleistung.

Und selbst wenn du zufällig auf etwas Ähnliches kommst – dann hast du es nicht kopiert. Du hast es einfach auch entdeckt beziehungsweise entwickelt.

Schauen wir mal analog dazu auf die Physik. Zwei Wissenschaftler an verschiedenen Enden der Welt kommen auf die gleiche Formel. Warum? Weil das physikalische Universum ist, wie es ist. Die Wahrheit existiert unabhängig davon, wer sie zuerst findet.

Echte Phänomene kann man immer wieder neu entdecken, auch wenn der Weg anders ist beziehungsweise der kulturelle Kontext aus dem heraus sie entdeckt und beschrieben wurden. Das eine ist das Phänomen an sich, das andere ist die kulturelle Beschreibung oder Praxis.

Ist der Begriff Krafttier bereits Kulturklau?

Das Wort Krafttier setzt sich aus zwei deutschen Begriffen zusammen: Kraft und Tier. Es beschreibt einfach ein Tier mit einer bestimmten Kraft.

Wir haben die Tiergeister selbst gefragt, wie sie genannt werden möchten. Sie finden Krafttier passend. Außerdem verstehen Menschen dadurch sofort, worum es geht.

Wenn die Tiergeister selbst entscheiden, wie sie genannt werden wollen, ist das keine kulturelle Aneignung. Es ist ihre Wahl, unabhängig davon, wer zu ihnen kommt.

Der gängige Begriff Schamane stammt übrigens aus der Forschung. In indigenen Gruppen bezeichnet sich niemand selbst als Schamane. Dort gibt es einheimische Wörter für diese Rolle. Der wissenschaftliche Begriff beschreibt ein globales Phänomen, das es seit jeher gab.

Wann du die Grenze zur Aneignung überschreitest

Schamanisches Trommeln gibt es weltweit. Warum? Weil monotones Trommeln die Gehirnfrequenz senkt und hilft, eine Trance zu halten. Du könntest auch monoton auf deinen Brustkorb klopfen, monoton tanzen oder joggen gehen. Das bringt in eine Trance rein, weil das Gehirn so tickt.

Das ist kein Kulturklau. Das ist einfach Natur.

Räucherungen? Gibt es in jeder Kultur. Wenn du ein Kraut trocknest und räucherst, praktizierst du noch kein indigenes Ritual. Du nutzt ein “Werkzeug”, das die Natur zur Verfügung stellt.

Die rote Linie überschreitest du, wenn du ein spezifisches Ritual einer Kultur nachahmst, mit der du nichts zu tun hast.

Wenn jemand mit Federschmuck herumläuft, wie man ihn aus Nordamerika kennt, aber eigentlich gar nicht mit dieser Kultur dort zu tun hat, ist das fragwürdig. In unserer westlich-modernen Kultur läuft in der Regel niemand so herum. Früher, als es hier noch Schamanismus gab, trugen die Menschen möglicherweise Schmuck aus Bucheckern oder Bärenfelle, vielleicht auch Federn. Das wissen wir nicht. Es gibt keine Aufzeichnungen darüber.

Aber heute macht das niemand mehr im Alltag.

Wer Federschmuck trägt, ahmt doch etwas nach, um als Schamane mehr Anerkennung zu bekommen, oder? Aber das braucht es nicht. Das Schamanische liegt in den Fähigkeiten, nicht in der äußeren Verkleidung. Am Ende kann jeder tun und lassen, was er möchte. Hier im Artikel möchte ich halt einen differenzierteren Blick auf das Thema werfen.

Was du wirklich brauchst für die Arbeit mit Naturgeistern

Wenn du alle kulturellen Schichten weglässt, bleibt ein klarer Kern übrig – die Essenz des Schamanischen: Fähigkeiten und Naturkräfte. Was brauchst du für Fähigkeiten?

Erstens: Lebensenergie: Außersinnliche Wahrnehmung und Handlungsfähigkeit brauchen viel davon. Du machst energetische Übungen, um deine Kapazität aufzubauen.

Zweitens: Geistige Klarheit. Du trainierst, wie du deinen Geist beruhigst und einen klaren Fokus aufrechterhältst. Das nennt sich Trance oder schamanischer Bewusstseinsfokus. Es ist wie ein Aufmerksamkeitstrichter.

Drittens: Kontakttechnik. Du brauchst eine gute Methode, um echten Kontakt mit Naturgeistern aufzunehmen. Wir haben Techniken direkt von Naturgeistern gezeigt bekommen.

Viertens: Verständnis für außersinnliche Wahrnehmung. Sie funktioniert anders als alltägliche Wahrnehmung. Du musst verstehen wie, und dann üben, üben, üben.

Im Laufe von Wochen und Monaten des Übens baust du diese Fähigkeiten mit  Selbstsicherheit auf. Du machst dabei deine eigenen Erfahrungen und lernst, echte außersinnliche Kommunikation von deinen eigenen geistigen Inhalten zu unterscheiden.
Das ist im Kern einfach etwas Menschliches in Interaktion mit Naturkräften und Naturgeistern.

Wie du echte von eingebildeter Kommunikation unterscheidest

Manche glauben, mit Naturgeistern zu kommunizieren, hören aber nur ihre eigenen Gedanken. Aber was es genau ist, das lässt sich prüfen.

Du stellst konkrete Fragen und bittest um konkrete Tipps für Alltagsprobleme. Und dann testest du diese Tipps.

Wenn sie funktionieren, weißt du: Da ist auf jeden Fall etwas Echtes. Und wenn du das hundertfach oder gar tausendfach erlebst, kannst dein Verstand es nicht mehr als Zufall abtun.

Das ist dann wie im Alltag: Niemand fragt dich, woher du weißt, dass der Stein in deiner Hand echt ist und keine Projektion. Du hast es von klein auf geübt. Alle können es bestätigen.

Bei schamanischen Fähigkeiten ist es genauso. Du musst sie einfach intensiv trainieren. Und wenn du genug trainiert hast, wird es normale Wahrnehmung, keine reine Fantasie, sondern etwas Echtes, das wirkt.

Darf ich als Deutscher schamanisch arbeiten?

Die Frage ist nicht, ob du darfst, die Frage ist, wie du arbeitest.

Arbeitest du schamanisch so, wie man es in Peru macht? In Sibirien? Warum solltest du das tun, wenn du nicht dort ausgebildet wurdest und keine Erlaubnis von den Schamanen dort hast? Wenn du sie hast, ist es etwas anderes.

Dennoch, wenn du hier in Europa praktizierst, hast du es mit einer anderen Natur, mit anderen Kräften, anderen Energiefeldern und Menschen zu tun.

Wenn du hier in Deutschland lebst, kannst du in den Wald bei dir um die Ecke gehen. Du nimmst Kontakt mit den Naturgeistern auf, die hier sind, wo du lebst.

Halte dich am Besten einfach an die Kernessenzen des Schamanischen. Übernimm keine äußere Form von irgendwoher. Konzentriere dich auf den inneren Wirkmechanismus, auf deine eigenen Fähigkeiten.

Wenn du tief genug hinschaust, merkst du: Das Schamanische ist einfach etwas Menschliches. Es sind menschliche Fähigkeiten in Zusammenarbeit mit Naturkräften und Naturgeistern.

Das ist universell und kann keiner indigenen Volksgruppe gehören.

Das größte Problem in der Kulturklau-Debatte

Menschen verwechseln kulturelles Brauchtum mit den menschlichen Fähigkeiten, die man braucht, um mit Naturgeistern und Naturkräften zusammenzuarbeiten.

Ob wir diese Fähigkeiten schamanisch nennen oder anders, spielt keine Rolle. Aber dieser Unterschied zwischen trainierbaren Fähigkeiten und gewachsenem Brauchtum – der macht alles aus.

Diese Fähigkeiten sind latent in jedem Menschen vorhanden. Sie können durch systematisches Training aktiviert werden. Brauchtum ist über Generationen gewachsen, trägt Geschichte und Identität einer Volksgruppe.

Das eine ist Natur, das andere ist eben Kultur.

Wenn du diese Unterscheidung nicht machst, passiert zweierlei: Entweder du verwehrst Menschen den Zugang zu ihren eigenen Fähigkeiten, weil du glaubst, sie gehörten einer anderen Kultur. Oder du eignest dir tatsächlich fremdes Brauchtum an, weil du denkst, du brauchst die äußere Form, um die Fähigkeiten zu bekommen.

Beides blockiert echtes Lernen und hemmt die Entwicklung.

Wenn du immer noch unsicher bist, ob du diese Fähigkeiten entwickeln darfst, hier der klarste Rat: Lerne bei jemandem aus deiner Kultur, der nichts aus einer fremden Kultur geklaut hat.

Lerne bei jemandem, der sich an den spirituellen, menschlichen Fähigkeiten orientiert. Der sich direkt an den Naturgeistern orientiert – an Mutter Erde, an Tiergeistern, an Pflanzengeistern, an Steingeistern.

Das ist direkt Natur. Das hat nichts mit Kultur zu tun.

Das sind echte Wesenheiten und Kräfte, mit denen du in Kontakt gehen kannst, keine kulturellen Konstrukte. Dafür brauchst du bestimmte Fähigkeiten. Wenn du diesen Weg gehst – direkt zu den Naturgeistern, ohne Rituale zu kopieren – dann entwickelst du nach und nach deine eigene Praxis, deine eigene freie Kultur. Du baust auf dem auf, was die Natur dir zeigt, nicht auf dem, was eine Kultur über Jahrhunderte geformt hat. Natürlich brauchst du eine gute Basis, also eine gute Ausbildung. Man muss das Rad hier nicht neu erfinden.

Dann kannst du sicher sein, dass du nichts Indigenes geklaut hast. Du arbeitest mit Naturkräften, aber auf deinem eigenen, freien Weg.

Und falls irgendwo auf der Welt ein indigenes Volk zufällig genauso arbeitet, obwohl du selbst drauf gekommen bist? Dann ist es halt so. Wie der Physiker, der auf die gleiche Formel kommt wie ein anderer schon, weil das Universum halt ist, wie es ist. Natur ist Natur. Und Kultur ist, wie wir sie deuten und gestalten.

Autor: Benjamin Maier

Was macht ein Schamane?

Was macht ein Schamane?

Schamanen sind die Bewahrer des alten Wissens und der Gebräuche. Sie sind Heiler, Seher und oft auch spirituelle Berater und Medien.

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Was ist Schamanismus?

Was ist Schamanismus?

Schamanismus ist ein uraltes Brauchtum. Im Zentrum stehen ekstatische Bewusstseinsreisen und die tiefe Verbindung zur Natur.

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